Max Eriksson Ohlwein, 6. Dan Aikikai
Mit neun Jahren schickte mich meine Mutter zum Judo, um mein Selbstvertrauen zu stärken. Das Training gefiel mir gut, aber nach anderthalb Jahren hatten meine Freunde keine Lust mehr, und alleine traute ich mich nicht zu bleiben. Das Interesse an der Kampfkunst blieb erhalten. Im letzten Jahr vor dem Abitur stolperte ich in einer Freistunde über eine Anzeige: „Aikido — aus den Kampfkünsten der Samurai entstanden.“ Die Samurai hatten mich schon immer fasziniert. Dazu das Konzept des Aikido: Angriff und Verteidigung werden eins, niemand kommt zu Schaden.
Der Beginn im Aikido-Zen Dojo am Mehringdamm
Der Aikido-Boom der 80er Jahre war noch nicht abgeklungen, und das Dojo von Gerd Walter Shihan am Mehringdamm war kein einfacher Einstiegsort für einen schüchternen 17-Jährigen. Aber nach dem ersten Probetraining stand mein Entschluss fest. Gerd verkörperte mit seiner Mischung aus Charisma, körperlicher Präsenz und der Aura des Wissenden genau das, wie ich mir einen Meister vorstellte. Für viele Jahre war das Dojo am Mehringdamm mein Aikido-Mittelpunkt. Hier habe ich die Grundlagen gelegt und viel über mich selbst gelernt.
Zwei Begegnungen
Nach fast zehn Jahren und kurz vor dem 2. Dan wurde ich neugieriger auf das Aikido außerhalb meiner Welt. 1999 nahmen mich Freunde auf den Sommerlehrgang von Seishiro Endo Shihan in Norwegen mit, und dort lernte ich auch Ulrike Serak kennen. Endos Aikido traf mich unvorbereitet: kraftvoll und sanft zugleich, ohne dass beides in Widerspruch stand. Ich hatte so etwas bis dahin nicht gesehen.
Kurze Zeit später war ich bei einem Lehrgang mit Christian Tissier Shihan in Berlin. Was mich bei ihm faszinierte, war diese absolute Klarheit. Sein Aikido hatte eine Logik, die ich bis dahin vermisst hatte. Ursache und Wirkung waren eindeutig nachvollziehbar; jede Technik hatte eine martialische Grundlage. Auf meinem ersten Lehrgang war ich bereits 1. Dan und übte mit einem Weißgurt, Shomen Uchi Ikkyo. Ich konnte es einfach nicht. Der Angriff war zu stark für mich. Wie konnte das sein? Nach all den Jahren. Entweder war’s das mit Aikido oder ich fange nochmal ganz von vorne an. Ich habe nie bereut, dass ich mich für den Neuanfang entschieden habe.
Ein Neuanfang im Dojo am Gleisdreieck
Ulrike Serak war schon seit Jahren enge Schülerin von Tissier Shihan und sehr vertraut mit dem Aikido von Endo Shihan. Der Wechsel ins Dojo am Gleisdreieck lag nahe. Trotzdem fiel mir die Entscheidung nicht leicht. Beide Ansätze waren zu unterschiedlich, um den Spagat auf Dauer zu schaffen. Zum Jahreswechsel 2000 verabschiedete ich mich von Gerd.
Die Umstellung war erheblich. Die Gruppen waren kleiner, das Training konzentrierter. Ulrike legte großen Wert auf Genauigkeit und auf das Verständnis der Grundlagen. Ich war es gewohnt, mich mit großen Bewegungen auszuagieren und das große Ganze zu sehen. Die Detailarbeit war mir fremd. Da ich aber unbedingt verstehen wollte, was ich bei Endo und Tissier gesehen und gespürt hatte, ließ ich mich darauf ein.
In meiner damaligen Arroganz sah ich Ulrike vor allem als Vermittlerin für das, was meine Idole zeigten. Erst viel später habe ich begriffen, dass ich eine neue Lehrerin gefunden hatte. Eine, die mich im täglichen Training begleitet und von der ich bis heute lerne.
Christian Tissier Shihan
Das, was ich über die Jahre von Christian Tissier gelernt habe, bildet heute die Grundlage für meinen Unterricht und mein eigenes Aikido. Sein Aikido ist technisch klar, didaktisch brillant, ohne mysteriöse Begrifflichkeiten und trotzdem so anspruchsvoll, dass ich nach all den Jahren noch immer daran arbeite. Was mich über seine Brillanz als Aikidoka und Lehrer hinaus beeindruckt, ist seine Nahbarkeit. Er ist für jeden ansprechbar und gibt auch Menschen, die ganz neu dabei sind, das Gefühl, gesehen zu werden.
Tissier Shihan hat während seiner Zeit in Tokio intensiv bei Meister Minoru Inaba im Shiseikan studiert. Durch ihn entdeckte ich die traditionelle Schwertschule Kashima Shin Ryu. Auf seinen Lehrgängen war das Schwerttraining von Anfang an ein wesentlicher Bestandteil, unterrichtet mit einer Konsequenz und Klarheit, die mich schwer beeindruckt hat. Sein Schwert beeindruckt mich bis heute.
Seishiro Endo Shihan
Bei Endo Shihan lernte ich ein Aikido kennen, das frei von jeder Technik zu sein schien. Auch wenn wir die üblichen Techniken übten, war da noch etwas anderes, eine ganz besondere Verbindung im Spiel. Wenn Endo Shihan mich als Uke nahm, war das schwer in Worte zu fassen. Viele der Übenden waren ratlos, was sie tun sollten, so wie auch ich zu Anfang.
Durch das fundierte Training bei Ulrike merkte ich nach und nach, dass es genau diese technischen Grundlagen braucht, um sich so mühelos zu bewegen. Über viele Jahre bin ich zu seinen Lehrgängen in Europa gefahren und habe ihn auch in Japan besucht. Bei ihm Uke zu sein und sein Aikido direkt spüren zu können, hat mein eigenes Aikido tief geprägt. Durch ihn habe ich viel über die Durchlässigkeit im Körper gelernt, die nötig ist, damit Bewegung wirklich frei werden kann. Auch wenn ich nie in den engeren Kreis seiner Schüler gegangen bin, fühle ich mich ihm sehr verbunden und verdanke ihm viel.
Philippe Orban Sensei
Philippe Orban war einer der Lehrer, die regelmäßig ins Dojo am Gleisdreieck kamen. Er war viele Jahre Schüler bei Christian Tissier Shihan in Paris gewesen und insbesondere im Kenjutsu ein ausgewiesener Experte. Sein Aikido faszinierte mich durch seine nüchterne Kompromisslosigkeit. Hier sah ich eine Version des Aikido, die mir auch als Selbstverteidigung anwendbar schien. Das Training bei Philippe war damals physisch hart und für mich, der große und fließende Bewegungen gewohnt war, schwer umzusetzen und auch beängstigend.
Trotzdem fuhr ich regelmäßig nach Leipzig, um bei ihm zu trainieren, sowohl Aikido als auch Kenjutsu. Da er als Schüler von Tissier Shihan die Kashima-Schwertschule unterrichtete, war er mein erster direkter Lehrer im Kenjutsu. Über die Jahre hat sich sein Aikido sehr verändert, es ist durchlässiger und damit auch sanfter geworden. Auch wenn ich mich entschieden habe, ihm nicht mehr als Schüler zu folgen, bin ich sehr dankbar für die lehrreiche Zeit. Viele Prinzipien aus seinem Unterricht haben sich mir eingeprägt und sind zum festen Bestandteil meines Aikidos geworden.
Zwei Monate im Hombu-Dojo und Shiseikan in Tokio
Trotz vieler Lehrgänge und täglichen Trainings hatte ich wieder das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Insbesondere im Kenjutsu wollte sich mir der Kern der Übung nicht erschließen. Im September 2006 entschied ich mich, für zwei Monate nach Japan zu gehen: tägliches Training im Aikikai Hombu Dojo und vor allem Kenjutsu direkt unter Minoru Inaba Sensei im Shiseikan.
Im Hombu-Dojo kannte mich niemand und ich war gefordert, mich selbst zu behaupten. Im Shiseikan musste ich mich formal bewerben. Erst nach einer Art Vorstellungsgespräch durfte ich am Unterricht teilnehmen. Bei Inaba Sensei musste ich zunächst das ganze Training lang beobachtend im Seiza auf dem Parkett am Rand sitzen. Erst nach dem dritten Training durfte ich aktiv mitmachen. Ich war damals der einzige Europäer dort, kaum jemand sprach Englisch. So war ich gezwungen, mich ausschließlich auf meine Beobachtung zu verlassen und aus dem physischen Kontakt das Wesentliche zu erspüren.
Was mich zunächst verwunderte und auch frustrierte: Die Lehrer im Shiseikan legten weit mehr Wert auf die Ausbildung des Körpers durch gezielte Übungen als ich es kannte. Übungen zur Verbesserung von Mobilität, Koordination und Durchlässigkeit standen im Mittelpunkt, das Üben der Kata war dem nachgeordnet. Da ich aber unbedingt der Quelle auf den Grund gehen wollte, ließ ich mich darauf ein. Nach zwei Monaten intensivem Training hatte ich einen roten Faden, an dem ich mich für meine weitere Übung orientieren konnte. Diese Zeit wurde zum Schlüsselerlebnis für mein Verständnis von Kenjutsu und Budo.
Die Aikido-Föderation Deutschland e. V.
Die Gründung der Aikido-Föderation Deutschland fiel genau in die Zeit, als ich vom Mehringdamm zum Gleisdreieck wechselte. Da Ulrike eines der Gründungsmitglieder ist, war ich von Anfang an dabei. Die Föderation wurde von Schülern von Christian Tissier Shihan und Seishiro Endo Shihan gegründet, mit dem Ziel, unabhängig vom Aikikai Deutschland e. V. die Anerkennung durch das Hombu-Dojo in Tokio zu erreichen. Zu der Zeit waren Dan-Prüfungen mit Aikikai-Anerkennung in Deutschland ausschließlich bei Meister Asai möglich. Insofern war diese Neugründung eine kleine Revolution.
Die ersten Jahre war ich passiver Beobachter ohne Funktion. Nach meiner Rückkehr aus Japan übernahm ich auf Ermunterung von Ulrike einen Posten im Prüfungssekretariat. Ohne große Begeisterung, mehr aus Pflichtgefühl. Sechs Jahre lang war ich zuständig für die Abwicklung aller Dan-Prüfungen und deren Anerkennung durch den Aikikai. 2012 ließ ich mich in den Vorstand zum Generalsekretär wählen. Seit 2020 bin ich Präsident der Aikido-Föderation Deutschland.
Mit Aikido ein Jahr um die Welt
Wieder waren fast zehn Jahre vergangen und wieder fand ich mich in einem Zustand gefühlter Stagnation. Inzwischen war ich als Lehrer am Gleisdreieck gut etabliert und auch innerhalb der Aikido-Föderation hatte ich ein Standing gewonnen. Trotzdem fühlte ich mich festgefahren. Als einer meiner Kenjutsu-Schüler mir mitteilte, er würde jetzt ein Jahr auf Weltumsegelung gehen, traf mich das wie ein Paukenschlag. Ein Plan entwickelte sich. Ein Jahr später bestieg ich das Flugzeug nach New York.
Mein Ziel war es, an ausgewählten Orten jeweils länger zu bleiben, zu leben und zu trainieren. New York, San Francisco, Südamerika, Neuseeland, Japan. In Auckland gab ich meinen ersten Lehrgang außerhalb Europas. In Japan war ich vier Monate, täglich auf der Matte im Hombu-Dojo und im Shiseikan. Inzwischen war ich dort kein Unbekannter mehr.
Diese Reise hat mich als Lehrer geformt. Nicht durch einen einzelnen Moment, sondern durch die Summe der Erfahrungen: fremde Dojos, fremde Stile, immer wieder neu beweisen müssen, wer man ist und was man kann. Und auch zu vergessen, wer man ist, um es neu zu entdecken. Erst nach meiner Rückkehr habe ich mich wirklich als Aikido-Lehrer gefühlt.
Was mir wesentlich erscheint – Körper, Technik, Prinzip
Nach bald 40 Jahren Aikido hat sich mein Unterricht auf einige wenige Schwerpunkte konzentriert, die mir wesentlich erscheinen.
Am Anfang steht die Vorbereitung des Körpers. Durchlässigkeit, Mobilität und Struktur sind die Voraussetzungen dafür, dass Aikido-Techniken überhaupt funktionieren können.
Die Techniken selbst verstehe ich dabei als Hilfsmittel. Sie dienen dazu, die Funktionsweise des eigenen Körpers zu erforschen und den energetischen Austausch zwischen zwei oder mehreren Körpern erfahrbar zu machen. Wichtig ist mir im Unterrichten eine klare Didaktik: Was wird in welcher Technik oder Übung gelernt, was kann darin entdeckt werden? Diese Frage sollte im Unterricht jederzeit beantwortet werden. Auf einem höheren Niveau sollen diese Fähigkeiten zunehmend freier eingesetzt werden, losgelöst von der einzelnen Form.
Aikido und Kenjutsu sind für mich Systeme, um die Funktionsweise des menschlichen Körpers auf mechanischer, energetischer und spiritueller Ebene zu erforschen. Die Prinzipien, die wir im Training über die überlieferten Techniken üben, lassen sich auf die Interaktion mit Menschen und Institutionen im Alltag übertragen. Budo verstehe ich als Kunst der Kommunikation: mit sich selbst, mit der Gesellschaft und darüber hinaus.
Aikido-Kurzbiographie
- Januar 2021 – Verleihung des 6. Dan Aikikai auf Empfehlung von Christian Tissier Shihan
- Oktober 2020 – Wahl zum Präsidenten der Aikido-Föderation Deutschland e. V.
- Mai 2012 – Wahl in den Vorstand der Aikido-Föderation Deutschland e. V. als Generalsekretär
- Januar 2015 – Verleihung des 5. Dan Aikikai auf Empfehlung von Christian Tissier Shihan
- März 2011 – Einjährige Aikido-Weltreise (USA, Brasilien, Argentinien, Peru, Hawaii, Neuseeland und Japan)
- Oktober 2009 – Ein Monat Intensivtraining im Aikikai-Hombu-Dojo und im Shiseikan
- Juli 2008 – Prüfung zum 4. Dan Aikikai durch Christian Tissier Shihan
- September 2006 – Zwei Monate Intensivtraining im Aikikai-Hombu-Dojo und im Shiseikan
- Mai 2006 – Berufung in das Prüfungssekretariat der Aikido-Föderation Deutschland e. V.
- Juni 2004 – Prüfung zum 3. Dan Aikikai durch Christian Tissier Shihan
- März 2004 – Drei Wochen Intensivtraining unter Christian Tissier Shihan in Paris
- Herbst 2002 – Abschluss als Diplom-Ingenieur in Energie- und Verfahrenstechnik
- Mai 2001 – Prüfung zum 2. Dan Aikikai durch Christian Tissier Shihan
- November 1999 – Wechsel ins Aikido-Dojo am Gleisdreieck unter Ulrike Serak Shihan
- November 1989 – Beginn der Aikido-Praxis bei Gerd Walter Shihan in Berlin









