ulrike serak, 6. dan aikikai tokyo    max eriksson ohlwein, 5. dan aikikai tokyo

Der Weg des Kriegers

Ganzheitliche Entwicklung

Ursprünglich diente das Training dazu, den Samurai auf den Kampf in der Schlacht vorzubereiten. Als System des Bujutsu (Kriegs- bzw. Kampftechniken) stand der „Sieg“ über einen “Gegner” im Fokus der Praxis. Allerdings ging es auch in den Trainingsmethoden des Bujutsu nicht allein um physische Stärke. Die Meister erkannten, dass wahre Stärke nur bei gleichzeitiger Entwicklung der mentalen Fähigkeiten möglich ist. Letzt endlich ist es das eigene Ego, das es zu überwinden gilt. In diesem Sinne kann auch die Niederlage im Kampf zu einem Erfolg über sich selbst werden. Durch die andauernde Übung und Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und Schwächen, wird Bujutsu (Technik des Kämpfens) zu Budo (Weg des Kriegers).

Das eigene Potential entdecken

Heutzutage hat das Schwert seine Bedeutung als Waffe längst verloren. Die damit verbundenen Tugenden wie Aufrichtigkeit, Mut und Entscheidungskraft haben jedoch nach wie vor ihre Gültigkeit. Dem entsprechend geht es im heutigen Kenjutsu-Training darum das eigene Potential auf mentaler und physischer Ebene zu entwickeln und auszuschöpfen. Die Kriegstechnik hat sich in den „Weg des Kriegers“ gewandelt und damit zu einer Methode der Persönlichkeitsentwicklung.

„Kashima No Tachi“ – Schwert-Weg aus Kashima

Kenjutsu bezeichnet keinen spezifischen Stil, sondern ist ein Sammelbegriff, der alle japanischen Schwertkampfformen umfasst. Übersetzt bedeutet er soviel wie Schwert (Ken) Technik (jutsu). In diesen klassischen Kampfkunst-Schulen (Ryu oder Ryha), deren Tradition oft mehrere hundert Jahre zurückreicht, gibt es keine sportlichen Wettkämpfe. Im Gegensatz zum modernen Kendo wird ohne Schutzrüstung mit dem Bokken (Holzschwert), dem Fukuru Shinai (Bambusschwert) oder dem Iaito (stumpfes Stahlschwert) trainiert.

Bei uns im Dojo am Gleisdreieck wird das Kenjutsu der “Kashima no Tachi” nach Meister Minoru Inaba vom Shiseikan Dojo in Tokyo unterrichtet. Wir sind Mitglied in der ISBA (International Shiseikan Budo Association).

Training für Körper und Geist

Im Mittelpunkt des Trainings steht die intensive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des eigenen Körpers und der Handhabung des Schwertes. Hat man ein gewisse Vertrauen im Umgang mit dem Holzschwert gewonnen, kommen zum Einzeltraining auch Partnerübungen hinzu. In den sogenannten Katas sind die Prinzipien und Strategien der Schule enthalten. Durch das kontinuierliche Üben der Katas entwickelt man nach und nach ein Gefühl für den korrekten Abstand, das ideale Timing sowie für einen angemessenen Kraftaufwand. Es geht darum, intuitiv anwenden zu können, was man im Training geübt hat.

Kontinuierliche Auseinandersetzung mit sich selbst

Auch schon zu Zeiten, als die Samurai noch Ihr Können auf dem Schlachtfeld oder in Duellen unter Beweis stellen mussten, war das Üben der Kata eine Methode des risikoarmen Trainings. Die genau festgelegten Bewegungsabläufe der Kata sind alles andere als tote Formen. Ein stupides Wiederholen der auswendig gelernten Schritte und Schläge führt zu nichts. Die Kata muss jedes Mal von Neuem entdeckt und mit Leben gefüllt werden. Nur so ist es möglich über die Jahre immer wieder neue Aspekte zu entdecken und sich selbst weiter zu entwickeln.

Heutzutage, fehlt das Regulativ des „echten“ Kampfes. Daher ist es für den Schwertschüler umso wichtiger sich den Katas mit ganzer Hingabe zu widmen und das eigene Können immer wieder zu hinterfragen.

Die sechs Serien der Kashima no Tachi

Das Kenjutsu-Training ist untergliedert in sechs Kata-Serien mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten und Übungsinhalten.

Kihon Tachi / Ura Tachi / Aishin Kumi Tachi / Jissen Tachi / Kassen Tachi / Tsubazeri

Die Partnerformen der sechs Serien werden mit dem Holzschwert (Bokuto) und mit einem mit Leder ummantelten Bambus-Schwert (Fukuru Shinai) ausgeführt. Darüberhinaus gibt es noch Partnerübungen (Battojutsu), bei denen ein scharfes Schwert (Shinken) oder stumpfes Metallschwert (Iaito) verwendet wird. In den Katas nehmen die Übenden jeweils die Rolle von Uchidachi, dem Lehrer bzw. empfangenden Schwert, und Shidachi, dem Schüler bzw. gebendem Schwert, ein. Uchidachi sollte nach Möglichkeit mehr Erfahrung haben und die Kata soweit beherrschen, dass der Shidachi lernen und Vertrauen gewinnen kann.

Die folgenden Erläuterungen zu den Serien sollen lediglich einen ersten Überblick verschaffen. Für das richtige Verständnis sind mündliche Anweisungen (Kuden) und eigene Praxis unter der Anleitung eines kompetenten Lehrer notwendig. Die Prinzipien und Lehrinhalte können nicht intellektuell oder durch blosses nachahmen verstanden werden.

Kihon Tachi

Mit den fünf Formen der ersten Serie beginnen die Anfänger , wenn sie dem Dojo beitreten. In der Kata nimmt Shidachi eine offensive Haltung ein und drängt Uchidachi in die Defensive. Durch intensiven Kontakt der schweren Holzschwerter wird insbesondere die Körperhaltung (Shisei),  Abstand und Timing (Maai), sowie die Dichte des Zentrums (Hara) entwickelt.

Kesa Giri / Ashibaraï Ukibune / Kiri Wari / Wari Tsuki / Tsuki Kaeshi / Kuraï Dachi

Im Vergleich mit den folgenden Serien erscheinen die fünf Formen recht einfach. Allerdings ist hier bereits das grundlegende Prinzip und die Essenz der Schule enthalten – „Ken Shin Tai Sanmi Ittai“ / Schwert, Geist, Körper ist eins – Auch für Fortgeschrittenen ist es daher notwendig, immer wieder auf Kihon Tachi zurückkommen um die eigene Struktur zu stärken.

Ura Tachi

Die zweite Serie folgt dem Prinzip, „sen-sen-no-sen“ – Verteidigung durch Gegenangriff im Moment des Angriffs. In den 10 Formen gehen die Übungspartner jeweils drei Schritte auseinander, bevor der Angriff beginnt. Wenn sich beide Partner auf einander zu bewegen, gilt es den richtigen Abstand und das Timing (Maai) zu finden, in dem eine Aktion erfolgen muss.

Men Tachi Zuke / Kesa Tachi Zuke / Do Tachi Zuke / Gedan Kote Dome / Kyodachi Kote Giri / Sokui Zuke / Mikiri Kenchu Taï / Naori Taïchu Ken / Kesa Giri Sode Suri / Enbi Ken

Es wird das Prinzip vermittelt, nicht auf einen Angriff zu warten, sonder proaktiv die Initiative zu ergreifen und unabhängig von der Aktion des Partners die Führung zu behalten.

Aishin Kumi Tachi

Die Herausforderung in der dritte Serie besteht darin sich mit der Absicht des Gegenübers zu verbinden. Ukedachi und Shidachi verfolgen jeweils die gleiche Strategie und führen synchron den selben Angriff aus. Um den Angriff zu parieren versucht Shidachi durch spiralförmige Führung das Schwertes nicht zum Stillstand kommen zu lassen und in der Bewegung eine Lösung zu finden.

Kumi Tachi Kiri Dome / Kumi Tachi Seigan / Kumi Wakare Wari Zuki / Kumi Tachi Kaeshikote / Kumi Wakare Taoshi Uchi

Jissen Kumi Tachi

In der vierten Serie, stehen sich die Übungspartner gerade ausserhalb der Reichweite gegenüber. In dem Moment, in dem sich Shidachi bewegt, versucht Ukedachi mit einem Angriff die Initiative zu übernehmen (go no sen). Shidachi ist dadurch gezwungen durch Wandlung seiner Technik (Urawaza) Ukedachi die Initiative zu nehmen.

Tsuki Kaeshi / Kiri Wari / Sokui Dachi / Hayanuki Fudoken / Sodesuri Seigan / Gedan Koteuchi / Tsubame Gaeshi / Gyaku Gaeshi / Tsubazeri Daoshi / Makitachi Oikomi

Voraussetzung für das Üben von Jissen Tachi ist ein hohes Maas an Verbundenheit mit dem Schwert, sowie eine sichere Einschätzung von Timing und Abstand.

Kassen Tachi

In der fünften Serie kommen Techniken zum Einsatz, die für das Kämpfen in Rüstung auf dem Schlachtfeld konzipiert wurden. Die Übungspartner laufen aus einer größeren Distanz aufeinander zu (Yukiai) und suchen die Schwachstellen in der Rüstung.

Sente Tsukiage / Sente Seigan / Sente Tsukikaeshi / Sente Tsukadaoshi / Sente Enbidaoshi / Jodan Nukidaoshi / Gedan Nukidaoshi / Fudoken / Kesa tsubushi / Muniken

In Kassen Tachi kommen auch vermehrt Prinzipien zum Einsatz, die den Partner zu Fall bringen.

Tsubazeri – Taoshiuchi

In der letzten Serie geht es um den Nahkampf, wenn beide Gegner so eng zusammenstehen, dass sich die Schwerter an der Tsuba verkeilen. Hier geht es darum sich Raum zu verschaffen und den Gegenüber im Moment des Zusammenpralls zu Fall zu bringen.

Battôjutsu

Beim Battôjutsu hat Shidachi sein Schwert noch in der Saya (Scheide) während Ukedachi schon bereit ist zum Angriff. Shidachi muss dem Angriff ausweichen, gleichzeitig das eigene Schwert ziehen und die Kontrolle übernehmen. Da beim Battojutsu stumpfe (Iaito) und auch scharfe (Shinken) Metallschwerter verwendet werden, wird zunächst alleine mit einem imaginären Uchidachi geübt.