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Kashima No Tachi – Das Schwert des Kashima-Schreins

Kashima No Tachi (鹿島の太刀) ist das Budo, das Meister Minoru Inaba über viele Jahre als Lehrer und später als Direktor des Shiseikan (至誠館), dem Budo-Zentrum des Meiji-Jingu in Tokyo entwickelt und gelehrt hat. Es wurzelt in einer der ältesten Kampfkunstschulen Japans, dem Kashima-Shinryu (鹿島神流), dessen Ursprünge bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen.

Meister Inaba war der letzte direkte Schüler von Meister Kunii Zen’ya, dem 18. Oberhaupt dieser Schule, von dem er die innere Lehre (Okuden 奥伝) durch tägliches gemeinsames Training übertragen bekam. Durch sein langjähriges Studium des Aikido (合気道), unter anderem bei Seigo Yamaguchi Shihan, fließen auch Einflüsse des Aikido in sein Budo ein.

Das Lehrsystem

Das Curriculum des Kashima No Tachi umfasst Kampftechniken mit und ohne Waffen sowie strategische und spirituelle Prinzipien. Es beinhaltet Taijutsu (体術, Kampf ohne Waffen), Kenjutsu (剣術, Schwert), Battojutsu (抜刀術, Ziehen des Schwertes), Naginatajutsu (薙刀術, Hellebarde), Yarijutsu (槍術, Speer) und Jojutsu (杖術, Stock). Was auf den ersten Blick wie separate Disziplinen wirkt, bildet ein durchgängig vernetztes Lehrsystem. Das verbindende Prinzip in allen Techniken ist die spiralförmige, kontinuierliche Bewegung – sie hat keinen Anfang, kein Ende, wechselt mühelos die Richtung und entwickelt auf kleinstem Raum größte Kraft.

Ichi No Tachi (一の太刀) – Das eine Schwert

„Tausend Schwerter werden aus dem einen Schwert geboren – zehntausend Schwerter kehren zu dem einen Schwert zurück.“

Im Kenjutsu des Kashima No Tachi ist Kesa Giri (袈裟斬) – der diagonale Schnitt – die Technik, welche das Spiralprinzip am reinsten verkörpert. Kesa bezeichnet die diagonal über den Körper verlaufende Schärpe der buddhistischen Mönche; der Schnitt folgt dieser Linie von der Schulter zur gegenüberliegenden Hüfte. Aus einer spiralförmigen Ausholbewegung entwickelt sich die Kraft des Schnitts. Am Ende kommt das Schwert scheinbar zur Ruhe – während die Spirale im Hara (腹) weiterdreht, bereit, den nächsten Schlag auszulösen. Alle anderen Techniken der Schule lassen sich auf Kesa Giri zurückführen oder aus ihr entwickeln.

Um die Einheit von Geist, Körper und Waffe zu erreichen, reicht das bloße Schwingen des Schwertes nicht aus. Übungen für Mobilität und Körperkraft, Atemübungen, Meditation sowie spirituelle und theoretische Studien sind unverzichtbare Bestandteile des Trainings. Wer einem anderen Menschen mit einer Waffe gegenübersteht, auch wenn es nur im Training ist, befindet sich in einer Situation von Leben und Tod. Diese Geisteshaltung ist unverzichtbar; ohne sie sind alle körperlichen Fähigkeiten und jede technische Raffinesse bedeutungslos.

Kuden (口伝) – Mündliche Unterweisung

Reines Beobachten und Nachahmen von Bewegungen, ob persönlich oder anhand von Videos, ist nicht ausreichend, um den Sinn der Formen und die tieferen Inhalte eines Budo zu erfassen. Direkte Unterweisung durch einen qualifizierten Lehrer verleiht den Übungen Leben und Sinn. Nur so wird sichergestellt, dass Techniken korrekt ausgeführt werden, ihre Bedeutung vollständig verstanden ist und sie im Kontext der Philosophie und Überlieferung des Kashima No Tachi eingebettet sind.

Vier Stufen der Initiative

Jeder Technik liegt eine Strategie zur Übernahme der Initiative zugrunde. Das Kashima No Tachi kennt vier Stufen:

  • Go No Sen (後の先) – Die Initiative aus der Nachfolge – Man lässt den Angriff kommen, weicht aus oder leitet ihn um und beendet den Kampf mit der nachfolgenden Aktion.
  • Sen No Sen (先の先) – Das Erste vor dem Ersten – Die Initiative wird ergriffen, bevor der Angreifer seinen Angriff vollständig ausgeführt hat.
  • Sen Sen No Sen (先々の先) – Das Erste vor dem Allerersten – Die Initiative wird im Moment der Angriffsabsicht ergriffen; man antwortet nicht auf die Bewegung, sondern auf die Intention.
  • Tai No Sen (体の先) – Das Zuvorkommen durch den Körper – Intuitiv wird der Moment abgepasst, in dem die Angriffsbewegung einsetzt; die eigene Aktion erfolgt simultan und überholt den Angriff.

Diese vier Strategien bilden eine Stufenleiter von reaktiver Kontrolle bis zur intuitiven, gleichzeitigen Aktion. Keine ist grundsätzlich besser als die andere – welche zum Tragen kommt, entscheidet die Situation.

Die Kumi Tachi (組太刀) – Partnerformen des Kenjutsu

Als Kumi Tachi – wörtlich „Begegnung der Schwerter“ – werden die Partnerformen im Kenjutsu bezeichnet. Das Curriculum ist in acht Serien gegliedert, die sich im Schwierigkeitsgrad steigern und unterschiedliche Aspekte des Schwertkampfes thematisieren. Geübt wird mit schweren Holzschwerten (Bokuto 木刀) und lederummantelten Bambus-Schwertern (Fukuru Shinai 袋竹刀), die intensives Training ohne schwere Verletzungsrisiken ermöglichen.

In allen Kumi Tachi nehmen die Übenden die Rollen von Uchidachi (打太刀 – das angreifende Schwert) und Shidachi (仕太刀 – das ausführende Schwert) ein. Uchidachi ist die Rolle des Lehrenden: Er führt die Kata so, dass Shidachi die Technik korrekt erlernen und ausführen kann. Obwohl Shidachi scheinbar „gewinnt“, folgt er stets der Führung des Uchidachi.

Die acht Serien im Überblick

1. Kihon Tachi (基本太刀) – Grundlegendes Schwert
Fünf Grundformen mit dem Bokuto. Shidachi lernt, offensiv in den Angriff einzutreten, Angst zu überwinden und Kraft im Hara zu entwickeln. Das übergeordnete Prinzip: Ken Shin Tai Sanmi Ittai (剣心体三味一体) – Schwert, Geist und Körper sind eins.

2. Ura Tachi (裏太刀) – Verborgenes Schwert
Zehn Formen mit dem Fukuru Shinai. Uchidachi täuscht den ersten Angriff an, um mit einem zweiten Angriff zu treffen. Shidachi ergreift proaktiv die Initiative und lässt sich nicht beirren. Prinzip: Sen Sen No Sen.

3. Aishin Kumi Tachi (相心組太刀) – Schwert der verbundenen Herzen
Fünf Formen. Uchidachi und Shidachi beginnen synchron denselben Angriff – eine Pattsituation entsteht. Shidachi bleibt energetisch verbunden und kontert im Moment des Wechsels. Prinzip: Tai No Sen.

4. Jissen Kumi Tachi (実戦組太刀) – Schwert des echten Kampfes
Zehn Formen mit hoher Intensität und kurzer Distanz. Shidachi muss die Angriffsabsicht in der Entstehung spüren. Je nach Gelingen kommen Sen No Sen, Sen Sen No Sen oder Tai No Sen zum Tragen.

5. Kassen Dachi (合戦太刀) – Schlachtschwert
Zehn Formen. Simulation der Begegnung auf dem Schlachtfeld mit Rüstung. Die Partner rennen aus großer Distanz aufeinander zu (Yukiai 行合). Die Technik muss im Bruchteil eines Augenblicks erfolgen. Kassen Dachi ist weniger Übung als Probe.

6. Tsubazeri (鍔競) – Kräftemessen mit dem Stichblatt
Die Schwerter verkeilen sich im Nahkampf an der Tsuba. Im Gerangel wird versucht, das Gleichgewicht des Gegenübers zu brechen und ihn zu Fall zu bringen.

7. Taoshiuchi (倒打) – Niederstreckendes Schlagen
Der Fokus liegt auf dem direkten Umwerfen und Niederstrecken des Angreifers, ohne das Gerangel um die Tsuba. Beide Serien können in fortgeschrittenem Stadium auch mit dem scharfen Schwert geübt werden.

8. Battojutsu (抜刀術) – Die Kunst des Schwerteziehens
Das fließende Ziehen des Schwertes aus der Scheide (Saya 鞘) mit anschließendem Schnitt. Zunächst als Einzelübung mit dem stumpfen Iaito (居合刀), später mit dem scharfen Shinken (真剣) und schließlich auch mit Partner.

Das Training am Dojo Gleisdreieck

Im Dojo am Gleisdreieck konzentriert sich das Training auf das Kenjutsu und Battojutsu, ergänzt durch gelegentliches Üben mit Yari und Naginata. Taijutsu wird durch das Aikido-Training abgedeckt, das allen Kenjutsu-Schülern ausdrücklich empfohlen wird: Die vielseitigen Bewegungen im Aikido erweitern das körperliche Potenzial, das Üben mit Waffen entwickelt Präsenz, Klarheit und Entschlossenheit – beides befruchtet sich gegenseitig.